KAYA V
(Kerstin Brätsch / Debo Eilers)


 

 



Eröffnung / Opening: 10. 9. 2015, 6 pm
Ausstellungsdauer / Exhibition duration: 11. 9. – 27. 11. 2015

 

PRESSEINFO / PRESS RELEASE

(English version below)

 

Er wusste nicht mehr, wie lange er die Stadt durchwandert hatte. Unendliche Zeiträume schienen hinter ihm zu liegen, seit er seine Suche begonnen hatte. Wie lange er schon unterwegs war, konnte er nicht mehr genau bestimmen- Zeit schien in seinem Empfinden keine Rolle mehr zu spielen. Waren es Stunden, Tage, Wochen, gar Monate oder bestand seine Suche schon seit Anbeginn seiner Existenz?

Es erschien ihm nahezu unmöglich, sich genau an den Beginn seiner Suche zu erinnern. Dass er etwas suchte- ein Teil seiner Identität- war ihm schon sehr lange bewusst gewesen. Es hatte sich schon immer so angefühlt, seit den frühesten Kindheitstagen, als wäre ein Bereich seines Bewusstseins, seines Empfindens, versperrt, nicht erreichbar und ihm unzugänglich.

 

Nun schlich er durch die zwielichtigen, düsteren Gassen dieser morbiden Stadt, durch die ihrer Erinnerung, durch den Abgrund ihres Verfalls und der Dekadenz. Mit ihrer klassischen Architektur aus der Zeit alter Größe, den Denkmälern weit vergangener Heldentaten, dem Geruch der großen Geschichte, dem Hauch von Erleuchtung angeblicher Ordnung und Rechtschaffenheit, den Errungenschaften einer sich stetig verlierenden und auflösenden Kultur, die nur noch um ihrer selbst willen und zur eigen Erhöhung ihrer Einwohner gepflegt wurde.

Hatte er sich früher doch zeitweilig noch erfreuen können am buntem Treiben auf den Plätzen, angefüllt mit den Bildern und Klängen der modernen Industriegesellschaft, den Zerstreuungen der dunklen Gassen und Hinterhöfen, in denen für Geld nahezu jedes hedonistische Verlangen erfüllt werden konnte, so erweckte dies jetzt alles nur noch Verachtung in ihm. Verachtung all dieser Sinneseindrücke, der Verführungen und Empfindungen, die ihn von seiner Suche abhielten, die ihn gefangen halten wollten in der unerträglichen Belanglosigkeit seiner Existenz.

Er musste dieser Stadt und ihren Bewohnern, die beide zutiefst verloren waren, in sich ständig wiederholenden Trivialitäten, entfliehen, den sardonisch grinsenden Fratzen von Menschen und Gebäuden, diesem scheinbaren Leben, welches eigentlich keines war.

So durchwanderte er weiterhin krankhaft getrieben, einem fiebrigen Rausch gleich, die Hauptstraßen und Gassen, irrte auf den Parkanlagen umher und stolperte durch unendliche Siedlungen.

 

Als er es dann fand, war er kaum mehr als ein Schatten.

 

Der Ort erschien ihm als wäre er schon immer da gewesen, als existiere er außerhalb von jeglicher Wahrnehmung von Zeit und Raum. Ein Tempel unendlicher Weisheit, angefüllt mit uraltem, vergessenen Wissen und verborgenen Geheimnissen.

Er erstreckte sich vor ihm wie eine Wunde im Kontinuum des bekannten Universums wie ein Riss in der ihm bekannten Realität. Wohlwissend, dass seine endlose Suche sich nun dem Ende näherte, stand er an der Schwelle und ein Gefühl des absoluten Triumphes beschlich ihn. Das erste, was er bewusst wahrnahm, aus dem Halbdunkel heraus zu ihm wabernd, war ein beständiges Pochen und Hämmern, ein Brodeln, welches wie aus weiter Ferne zu ihm drang. Es dauerte lange, bis sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten, und er erste schemenhafte Umrisse wahrnehmen konnte. Der Raum schien angefüllt mit Leben, mit einer kaum fassbaren Dynamik von jahrtausendealter Erstarrung und ständiger Bewegung, und während er sich bemühte, etwas konkretes zu erfassen, umströmte ihn der Hauch des Sakralen wie der ätherische Dunst einer geöffneten Pharaonen Grabkammer.

Ihm schwindelte.

Er zögerte – wusste er doch sogleich, dass jeder Schritt...

 

Und dann trat er über die Schwelle.

 

Er betrat den Raum wie ein Akolyth längst vergessener Kulte, langsam, sich jeglicher Bewegung seiner Muskeln bewusst, gleich dem Auftakt eines Rituals, welches...

 

Der Raum

 

Langgezogen, sakral
Schrittüber die Schwelle

 

Gleich der Reise Charons über den Styx in Gefilde äonenlanger Isolation, verließ er die Welt des Profanen, um in die Sphäre außerhalb des direkt wahrnehmbaren vorzustoßen, Geheimnisse erkundend, die den meisten Menschen für immer versagt bleiben sollten.

Er wurde empfangen von maschinenhaften Umrissen einer unbegreiflichen Mechanik von permanenten Atemzyklen, einem Geflecht aus unwirklichen Farben, unverständlichen Linien, Zylindern und Pendeln, Schläuchen und bionischen Inkubus Apparaturen.

Er tauchte ein in ein pulsierendes Leben von wiederkehrender Zirkulation.

Alles war angefüllt mit dem Dunst von Verwesung und leichenhaften Bewegungen, die gleich einem Damoklesschwert im Raum hypnotisch hin und her pendelten.

Unendlich langsam, marionettenhaft tastete er sich vorwärts, nicht selbstbestimmt, sondern gleichsam mitgezogen von der um ihn herum sich manifestierenden Urkraft des pulsierenden Kosmos.

Als wäre er Teil einer endlosen Maschine, die beständig Lebenskraft saugend, tötend und neues Leben gebärend, alle seine Sinne vereinnahmte, seine Bewegungen dem Gleichschritt einer schattenhaften Prozession anpasste, begleitet von summenden Priestern mit seltsam geformten Tiaren auf den Häuptern, die ihn, den Initianten, in die längst vergessenen Geheimnisse und schrecklichen Wahrheiten einführen würden, gewillt, ihm Weisheit näherzubringen, welche ihm noch unverständlich und ungreifbar war.

Um ihn herum eröffneten sich Universen von Farben und Formen, die auf ihn einstürmten, sich in sein Bewusstsein brannten und ihn letztlich vollends vereinnahmten.

Mit jedem Schritt verspürte er die eigene Auflösung seiner Existenz, das Ende seines Todesschlafes, er wusste, dass jeder Schritt mehr das Verscheiden seines alten, belanglosen Lebens bedeutete.

Während um ihn herum die Priester im betörenden Singsang lallten, schattenhafte Wesen sein Haupt unbegreiflich umschwirrten, über ihm verharrten und ihn belauerten, erkannte er im Halbdunkel die Reliefs an den Wänden – die Zeichen einer älteren, gröeren aber unendlich fremdartigen Weisheit, deren Enträtseln ihm unmöglich schien.

Ohne sie genau erfassen zu können, erspürte er instinktiv, wie die Zeichen ähnlich einem Menetekel den Untergang aller althergebrachter Ordnung und Wissen verkündeten, mit Fanfaren das Ende aller ihm bekannter Kultur in den Kosmos hinausschrien.

 

 

Bald schon konnte er nicht mehr trennen zwischen sich selbst und dem Außen, dem ihn umgebenden Brodeln, er verspürte, wie jeder weitere Schritt gleichsam Auflösung bedeutete. Während unwirkliche Gesichter ihn bestarrten, Schläuche wie Tentakel nach ihm griffen, fremdartige Farben und Zeichen ihn durchströmten, in die letzte Zelle seines Körpers drangen und schattenhafte Priester an ihm zerrten, schien der ganze Raum um ihn herum zu kreisen.

Er war Maschine, er wurde Teil einer großen Symphonie des atomaren Chaos. Initiant und sogleich Opfer, ghoulhaft schleichend, näherte er sich dem Zentrum des Heiligtums, während das Pulsieren und Pochen sich mit jedem weiteren Meter zu einer Kakophonie des Wahnsinns steigerte.

 

Als er das Innerste betrat, war er nicht mehr im Raum, nicht mehr Teil dieser Welt.

 

Hier fand er es

Das, was in sich alles trug

Und das er selbst war ____

 

 

 

KAYA dankt Wolfstyker Leather für die Unterstützung der Produktion.

 

 

PRESS RELEASE

 

He did not know anymore how long he had wandered the city. Endless periods of time seemed to have passed since he had set out on his quest. He could no longer say with certainty how long he had been on his way – time, it seemed, played no role in his mind now. Was it hours, days, weeks, even months or had he been on his search since the very beginning of his existence?

It was almost impossible for him to summon up clear memories of the beginning of his quest. He had long been aware of the fact that he was searching for something – a part of his identity.

Ever since his earliest childhood days, it had always felt this way, it was as if he had been locked out of an area in his mind and feelings which was now out of reach and inaccessible.

 

He prowled the shady, bleak streets of this morbid city, its memory, and the abyss of its decline and decadence.

With its classical architecture from times of past grandeur, monuments to heroic deeds of old, odor of great history, and a touch of illumination... that ostensive order and righteousness, those achievements of a culture continually losing its way and disintegrating, one that was only cultivated for its own sake and to increase the population.

In the past he had, at times, still enjoyed the colorful hustle and bustle on squares filled with the imagery and sounds of modern industrial society, the distractions of dark backstreets and yards where money could buy just about any hedonistic desire. Now, he had only contempt for all of this. Contempt for all these sensory impressions, temptations and feelings that lured him away from his quest, that wanted to hold him captive in the unbearable pettiness of his existence.

He had to flee the city and its residents. Both were utterly lost in endlessly repetitive trivia. He wanted to leave behind him the sardonically grinning grimaces of people and buildings, this masquerade of life that really wasn't one at all.

Morbidly obsessive, he kept on wandering feverishly down main and side roads, roaming around parks and stumbling through an endless sprawl of housing developments.

 

When he found it, he was hardly more than a shadow.

 

The place looked to him as if it had always been there, as if it existed outside of any perception of time and space. A temple of infinite wisdom, filled with ancient, forgotten knowledge and hidden secrets.

It spread out before him like a wound in the continuum of the known universe, like a rift in the reality known to him.

Well aware that his ceaseless quest was now drawing to a close, he stood at the threshold and felt a sense of absolute triumph.

The first thing he became aware of was a sound wafting towards him from out of the twilight, an incessant throbbing, hammering, and seething that seemed to come from far far away. He had to wait a long time for his eyes to adjust to the twilight, and could make out the first shadowy outlines. It appeared this space was filled with life, with a scarcely fathomable dynamics of millennia-old congealment and constant movement, and as he was trying to grasp something tangible, an air of the sacred flowed around him like an ethereal mist rising from an opened pharaoh's burial chamber.

He felt dizzy.

He hesitated – knowing immediately that every step...

 

And then he crossed the threshold.

 

He entered the room like an acolyte of long forgotten cults, slowly, keenly aware of the movements of his muscles, in the manner of a prelude to a ritual that...

 

The space

 

Elongated, sacred

Step over the threshold

 

Like Charon's journey across the Styx into realms of isolation that spanned eons, he left the world of the mundane, pushing onward into the sphere outside of direct perception, exploring mysteries that most people would forever be unable to uncover.

He was welcomed by machine-like silhouettes of an incomprehensible mechanics of permanent breathing cycles, a mesh of unreal colors, incomprehensible lines, cylinders, pendulums, tubes and bionic incubus apparatuses.

He immersed himself in a pulsating life of recurrent circulation.

Everything was filled with vapors of decay and cadaverous motion, which swung back and forth like a sword of Damocles in a hypnotic pendulum movement.

Infinitely slow, like a marionette he felt his way forward, not of his own accord, but going along, as it were, with the primal force of the pulsating cosmos that manifested itself around him.

It was as if he were part of an endless machine that was invariably drawing vital energy, deadening it, and delivering new life, filling all his senses, aligning his movements with the marching step of a shadowy procession that was accompanied by humming priests with strangely shaped tiaras on their heads. In the course of his initiation, they would introduce him to long forgotten mysteries and terrifying truths, willing to convey to him an understanding of wisdom as yet incomprehensible and intangible to him.

Universes of colors and shapes opened up around him, rushing towards him, burning themselves into his mind, and fully engulfing it.

With every step he felt his own existence dissolve, his sleep of death end. He knew that each step meant the passing of his old, petty life.

While around him priests mumbled a beguiling sing-song chant, shadowy beings mysteriously whirred around his head, hovered above and watched him furtively, he could make out in the twilight reliefs on the walls – the signs of an older, greater but infinitely alien wisdom that seemed impossible for him to decipher. Without being able to fully grasp them, he instinctively sensed that these signs, like the writing on the wall, heralded with fanfares the downfall of all traditional order and knowledge, screaming out into the cosmos the end of all culture known to him.

 

 

Soon he could no longer distinguish between himself and the outside, the bubbling and seething around him, he could feel how every further step meant a kind of dissolution. While unreal faces stared at him, tubes reached for him like tentacles, alien colors and signs flowed through him, permeating every last cell in his body, and shadowy priests tugged at him, the whole room seemed to wheel around him.

He was a machine, became part of a grand symphony of atomic chaos. Becoming initiated and, at once, victim, ghoulishly crawling, he moved closer to the center of the sanctuary while with every further step the throbbing and pounding grew into a cacophony of madness.

 

When he stepped into the innermost sanctum, he was no longer in space, no longer part of this world.

 

Here he found it

That which carried everything in itself

And that he himself was ____

 

 

 

KAYA would like to thank Wolfstyker Leather in helping with production of the installation.

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