Lucie Stahl

 


 

 



PRESSETEXT

 

Eröffnung / Opening: 22. 6. 2011, 7pm
Ausstellungsdauer / Duration: 23. 6. – 30. 7. 2011

 

UNDISZIPLIN BITTE, MITTÄTER AUGE!

In ihrer ersten Wiener Einzelausstellung in den Räumen der Galerie Meyer Kainer zeigt die in Wien lebende Künstlerin Lucie Stahl (* 1977) mit Polyurethan übergossene Poster vergrößerter, eingescannter Assemblagen. So einfach und rasch die künstlerische Produktionsweise gleichsam "hingerotzt" scheint und der Scanner es generell an Renommee in der Bildproduktion den Vergleich mit Pinsel oder Fotoapparat noch selten aufnehmen kann, so über alle Maßen überraschend vertrackt wirken diese Bilder letztendlich. Die einzelnen Bildbestandteile wirken wie unterschiedlichen medialen Geschwindigkeiten ausgesetzt, Expressives flüssig gefroren, wie "mugshots" von unaufgeräumten, transparenten Arbeitstischunterseiten, die selbst flapsig Eigenkommentare zu ihrer reflexiven Aufgeladenheit, konstruierten Inhaltlichkeit, am liebsten gleich ihr ganzes "making of", die kulturindustrielle Herkunft und intermediale Struktur mitpräsentierten. Als diktierten die Bilder die Lesart und kontrollierten bereits den emotionalen Austausch zwischen Künstlerin und Betrachter, obgleich sie wie erst noch zu trocknen müssende, einer massenmedialen Produktion entrissene oder entlaufene, in enigmatischer Verdrehtheit schimmernde Poster erscheinen. Hin und Her gerissen zwischen Gefühlen des unmöglichen Umblätterns oder doch einfach nur schnell – noch unmöglicher – die Scanner Abdeckung hochreißen Wollens – Indizien für die Unmittelbarkeit der Bilder Stahls – kann sich zwischen dem Erkennbaren und dem Unbekannten eine Grenze manifestieren, über die man sich in rezeptive Regionen gezogen fühlen kann, wo Ungestümtheiten des Physischen und des Visuellen Abenteuer verhandeln, wie die Codes des Bezeichen-, Kontrollier-, Lesbaren etc. weit, wenn auch vermutlich nur für kurze Zeit zurückgelassen werden könnten. Weder kommt es hier zu fatalen Gleichsetzungen, noch Gegensetzungen von Sprache und Bild, sondern es finden Ansätze der Bildtheorie, Semantik, Psychoanalyse in feinen Wechselbeziehungen zu Appropriation und Concept Art einen Zusammenhang, der eben nicht auf deren formale Erfüllung zielt, sondern Ambiguitäten der Kommunikation im Jetzt performend auf der Glasoberfläche eines alltäglichen Datenerfassungsgeräts lauernd zeigt. Die dabei entstehenden Narrative und des Betrachters Zeugnis der Entstehung dieser Narrative, mit die Vorstellungskraft fütternden, noch in Bearbeitung stehenden Textpartikel, mit wie angerissenen Informationen über Stand-up Comedians, skizzierter Hysterie der Produktionssituationen der Bilder, Privates etc. suggerieren eine täuschende Komplizenschaft, ätzen aber zugleich sprachliche Zusatzwege in den metaphorischen Ballast, scheinen die Stahl' schen Scanner Umkehrungen mitunter folgendes nach dem Zufallsprinzip, aber neuralgisch bloßzulegen: dass am Ende einer verlorenen Bilderwelt eine wiedergefundene Bilderwelt liegt, wie das Wirkliche am Ende des Abstrakten liegt. Und mit W.J.T. Mitchell weiters auch radikal zu fragen: Wie wir aus Bildern und der sie hervorbringenden Einbildungskraft Mächte, die unseres Vertrauens und unseres Respektes würdig sind, machen? *

 

Christian Egger

 

* W.J.T. Mitchell, Bildtheorie, Suhrkamp, 2008

top