PUNCTUM
Fotographie zwischen Inszenierung und Dokumentation

Ausstellungsdauer: 10. 11. 2013 – 1. 3. 2014

 

PRESSEINFO

 

Jeff Wall präsentierte im Jahr 1997 eine Reihe großformatiger Bildinszenierungen in Schwarzweiß. Die Fotos ließen sich als bewusster Rekurs auf die Tradition der US-Dokumentarfotografie werten, zugleich war der Inszenierungscharakter unverkennbar. Wie kaum ein anderer Künstler kann Wall dafür einstehen, dass die Theorie der Fotografie nicht notwendigerweise unanschaulich ist.

 

Als einer der ersten hat die Begrifflichkeit des "Abdrucks" William Henry Fox Talbot in seiner Publikation The Pencil of Nature (1844-1846) verwendet. Der Automatismus der Kamera, der das Bild von selbst entstehen ließ, hatte für die frühen Theoretiker etwas Faszinierendes, ja Magisches. Die Formel des nicht von Menschenhand gemachten Bildes verwies auf die "Virulenz einer Leerstelle", die ihr Faszinationspotenzial jedoch keinesfalls in der Frühzeit der Fotografie verbraucht hat. Auch spätere Autoren wie Charles Sanders Peirce, Siegfried Kracauer, Rosalind Krauss, der späte Roland Barthes und Philippe Dubois sowie George Didi-Hubermann haben sich bei aller Kritik im Detail zustimmend zu einer Theorie der Fotographie als Abdruck, Index oder Spur verhalten. Nach Meinung der kritischen Autoren der 1970er-Jahre, wie Pierre Bourdieu, Victor Burgin, John Tagg, Allan Sekula, Douglas Crimp, dem frühen Roland Barthes und Rosalind Krauss aber stellt das "realistische Potenzial der Fotografie [...] keine tatsächliche Eigenschaft fotografischer Bilder dar, sondern erscheint als bloßer Effekt sozialer und kultureller Praktiken, Zuschreibungen und Codes." Dennoch haben sich bei Krauss, sowie Barthes Reste einer Theorie des Abdrucks erhalten. Das Festhalten am Moment referentieller Durchsichtigkeit und Durchlässigkeit des fotografischen Bildes zum Nicht-Codierten hat zu Reflexionen auf die Rolle des Zufalls geführt. Das optisch Unbewusste (Walter Benjamin) ist das, was sich nicht herstellen lässt. Sein Charakteristikum ist die Abwesenheit von Intention. Ähnlich verhält es sich mit Überlegungen von Roland Barthes zum so genannten "Punctum". Nach Barthes ist das "Punctum" einer Fotografie jenes Zufällige an ihr, das den Betrachter unvermutet trifft. "Das Punctum kann ein Detail sein, ein Teil des Abgebildeten, der ohne Zutun des Fotografen mit ins Bild geraten ist und die routinierte Betrachtung in Unruhe versetzt." Wenn frühe Theoretiker einer inszenierten Fotografie, wie Bazon Brock und A.D. Coleman noch keinen positiven Begriff der Inszenierung entwickeln wollten, so hat erst Jeff Wall Texte geschrieben, die sich für eine positive Bestimmung der Fotografie als Kunst produktiv machen lassen, und so das Verhältnis von Fotografie und Fotografischem neu definieren. Walls Arbeiten erlauben es in der Folge vielen Künstlern die Polarität von Dokumentation und Inszenierung zu durchkreuzen.

 

VANESSA BEECROFT (* 1969 in Genua), italienische Performance-Künstlerin. Seit 1994 stellt sie weltweit, u.a. im Guggenheim Museum in N.Y., Rauminszenierungen mit teilweise nackten, stilisierten weiblichen und auch männlichen Models als Tableaus vor. Im Unterschied zur klassischen Performance ist die Künstlerin dabei nicht direkt beteiligt, sondern agiert als Regisseurin im Hintergrund.

 

WILL BENEDICT (* 1979 in Los Angeles), studierte am Art Center College of Design, Passadena, sowie an der Städelschule, Frankfurt am Main. In den vergangenen Jahren hat Will Benedict als Fotograf, sowie als Maler gearbeitet und Ausstellungen kuratiert. Gemeinsam mit seiner Partnerin Lucie Stahl eröffnete Benedict in Wien eine Bar (L’Ocean Licker), sowie eine Galerie (Pro Choice) und betrachtet diese Aktivitäten als die ephemeren Aspekte seiner regulären Studiopraxis.

 

BERNADETTE CORPORATION Seit 1994, erforscht die in ihrer personellen Zusammensetzung variable New Yorker Künstlergruppe, deren Hauptprotagonisten Bernadette van Huy, John Kelsey und Antek Walczak sind, Strategien kulturellen Widerstandes indem sie experimentelle Modalitäten kultureller Aktivitäten wie Mode, Werbung, Literatur und Kunst inszenieren. Unter anderem gaben sie das Modemagazin Made in USA, sowie den kollektiv verfassten Roman Reena Spaulings heraus und gründeten das Modelabel BC. Sie versuchen eine präzise kalibrierte Kritik globaler Kultur zu liefern, so wie sie Identität durch Konsum und Branding konstituieren. In der Foto-Serie Stone Soup setzen sie sich mit dem Problemen fotographischer Retusche in der Werbefotographie auseinander.

 

ANDREA FRASER (* 1965 in Billings, Montana) ist eine US-amerikanische Künstlerin, die sich vor allem mit Institutionskritik auseinandersetzt. In ihrer künstlerischen Praxis arbeitet sie in den Bereichen Performance und Installation. Bekannt wurde Fraser Anfang der 1990er-Jahre mit ihren Gallery Talks, Performances in Form von Führungen durch Kunstinstitutionen, in denen sie sich kritisch mit den Präsentationsformen, den Hierarchien und den Ausschlussmechanismen des Kunstbetriebes auseinandersetzte.
Sie vertrat 1993 Österreich auf der 45. Biennale in Venedig.

 

GELATIN besteht aus den Künstlern Ali Janka, Tobias Urban, Florian Reither und schließlich Wolfgang Gantner. Die vier in Wien lebenden Künstler schlossen sich 1993 zu einer Künstlergruppe zusammen. In ihrer Kunst verbinden sie eine Mischung aus Aktionismus und Installation. In ihren oft subversiven Auseinandersetzungen mit dem Publikum spielt der Zugriff auf die Körperlichkeit als ein "Ort" des Vertrauens und der Kommunikation eine wesentliche Rolle. Mit ihrem im 2001 herausgegebenen Buch The B-Thing dokumentierten sie eine Aktion, die im März 2000 in New York stattgefunden hat. Die Künstler, die im gleichen Jahr Österreich auf der Biennale in Venedig vertraten, hatten im 91. Stockwerk eines der World Trade Center-Tower einen Holzbalkon installiert. Die Aktion ist am frühen Morgen abgelaufen. In knapp 367 Meter Höhe ist für die Dauer von 20 Minuten ein "privater" Balkon an der Hausfassade angebracht worden – groß genug, um einen (gelatin) Mann zu tragen.

 

LIAM GILLICK (* 1964 in Aylesbury / Buckinghamshire), britischer Maler, Bildhauer und Objektkünstler. Das Werk Gillicks umfasst eine Vielzahl von künstlerischen Ausdrucksformen: er ist Objektkünstler, Maler, Kurator, Kritiker und komponiert Filmmusik. Seine raumfüllenden Architekturen greifen minimalistische Konzepte auf. Das umfangreiche Werk des Künstlers wurde erstmals von 2007 bis 2010 unter retrospektiven Gesichtspunkten gezeigt. Die eigenständig kuratierten Ausstellungsteile unter dem Titel Three Perspectives and a Short Scenario waren 2007 im Witte de With, Rotterdam, 2008 in der Kunsthalle Zürich und dem Kunstverein München, sowie 2009/2010 im Museum of Contemporary Art (Chicago) zu sehen. Ebenfalls 2009 gestaltete Gillick den Deutschen Pavillon auf der 53. Biennale Venedig. Dieser Beitrag wurde auch in der Bundeskunsthalle in Bonn im Jahre 2010 gezeigt.

 

DAN GRAHAM (* 31. März 1942 in Urbana, Illinois), US-amerikanischer Bildhauer, Konzept- und Videokünstler. Dan Graham ist für die jüngere Künstlergeneration einer der einflussreichsten Konzept- und Kontextkünstler, der mit seinem Werk früh die Autonomie des künstlerischen Werks in Frage gestellt und die Rolle der Populärkultur reflektiert hat. Er war fünfmal auf der Documenta in Kassel vertreten.

 

CHRISTIAN JANKOWSKI (* 1968 in Göttingen), deutscher Konzeptkünstler. Er beschäftigt sich in seinen Videoinstallationen und Filmen mit der Inszenierung von Rollenspielen. Seine Produktionen handeln von der Beziehung zwischen den Künstlern, den Kunstinstitutionen, den Medien und der Gesellschaft. Dem Kunstmuseum Stuttgart zufolge "nutzt [er] die Formate der Massenmedien, um mit hintergründigem Humor die Rolle von Kunst, Politik, Entertainment, Wirtschaft und globalen Vermarktungsstrategien zu hinterfragen...".

 

ANETTE KELM (* 1975 in Stuttgart). Annette Kelms Fotografien reichen von Stillleben über Porträts und Objektfotografie bis hin zu Architektur- und Landschaftsfotografie. Es sind exakt ausgearbeitete Kompositionen, die auf ein komplexes Konzept und ein weit verzweigtes Netz von Bezügen verweisen.

 

MATHIAS POLEDNA (* 1965 in Wien). Mathias Poledna beschäftigt sich in seinen Filmen und Filminstallationen mit Verbindungen zwischen Kunst und Unterhaltungskultur, der Moderne in Architektur, Mode und Design, der Sprache des Films sowie der Geschichte des Ausstellens, wobei insbesondere die spezifische Historizität dieser Phänomene ein zentraler Ausgangspunkt ist. Poledna vertritt 2013 Österreich auf der Biennale in Venedig.

 

ED RUSCHA (* 16. Dezember 1937 in Omaha, Nebraska), US-amerikanischer Maler, Grafiker, Fotograf und Filmemacher. Bekannt wurde er vor allem durch seine Werke im Bereich der Malerei und Druckgrafik. Er gilt heute als bedeutendster Vertreter konzeptueller Malerei. Schon ab 1962 publizierte er Fotobücher in Auflagen von 400 bis 2000 Exemplaren. In der Bildsprache war für Ruscha u. a. der amerikanische Fotograf Walker Evans ein Vorbild. 2006 zeigte das Museum Ludwig in Köln eine vom New Yorker Whitney Museum organisierte Ausstellung unter dem Titel Ed Ruscha. Photographer.

 

BEAT STREULI (* 19. August 1957 in Altdorf), Schweizer Fotograf, Video- sowie Installationskünstler. Das zentrale Motiv des Künstlers ist der Mensch im öffentlichen Raum einer Großstadt. Das "Heranzoomen" ist bei Streulis Fotografien somit kompositorisches und fotogestaltendes Mittel. Zugleich enthebt er dadurch die fotografierten Personen ihrer alltäglichen und anonymen Umgebung und ermöglicht durch das Kriterium der Auswahl eine individuelle Betrachtungsweise und Bildwirkung.

 

WOLFGANG TILLMANS (* 16. August 1968 in Remscheid), deutscher Fotograf und Künstler. Wolfgang Tillmans lebt und arbeitet in London und Berlin. Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Künstler. Sein umfassendes und vielfältiges Œuvre ist zum einen durch aufmerksame Beobachtung seiner Umwelt und zum anderen durch die Erforschung der Grundlagen der Fotografie geprägt. 2000 wurde ihm als erstem Fotografen und Künstler, der nicht aus England stammt, der renommierte Turner Prize verliehen.

 

WILLIAM WEGMAN (* 1943 in Holyoke, Massachusetts), US-amerikanischer Fotograf. Wegman arbeitet mit Weimaranern (Hunden), sie als Models ablichtet und surrealistisch darstellt. Man Ray und Fay waren seine bekanntesten Hunde, mit ihnen hat er Preise gewonnen. U.a. hat er für die Sesamstrasse gearbeitet. Alphabet Soup, Mother Goose und noch viele weitere Filme bzw. Serien hat er für die Öffentlichkeit entwickelt und immer spielen die Hunde die Hauptrolle. William Wegman war Teilnehmer der Documenta 5 in Kassel im Jahr 1972 und auch auf der Documenta 6 im Jahr 1977 als Künstler vertreten.

 

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