mathis altmann / bonnie camplin / salvo /
lucie stahl / amelie von wulffen

curated by melanie ohnemus
in the context of curated by 2018 – viennaline

14. 9. – 27.10. 2018

 


 

 



PRESSETEXT

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Üblicherweise wird das Empfinden von Identität als ursprünglich und rein begriffen und maßgeblich von der Meinung gestützt, die eigene Identität könne nur als eine von der Wirklichkeit getrennte empfunden und benannt werden. Identität wäre demnach also so etwas wie ein reiner Kern, der sich zu allem, was nicht dazugehört in einer abgegrenzten Beziehung steht. Dieses Muster sichert in allen kleinen und großen Systemen Machtverhältnisse und Gewissheiten.    

In ihrem Aufsatz „A Cyborg Manifesto“ (erstmals erschienen 1985) entwirft Donna Haraway einen Vorschlag einer antiessentialistischen Perspektive mit der sie dichotome Kategorien wie die Grenzziehungen zwischen Mann/Frau, Mensch/Maschine, Privat/Öffentlich und Physischem/Metaphysischem aufzuheben und neu zu denken versucht. Mit dem Überwinden eines vermeintlich herrschaftsfreien, westlich humanistisch geprägten Mythos von ursprünglicher Einheit, und eines letztlich von jeder Abhängigkeit entbundenen, endgültigen Selbst, denkt sie ein Konzept des „situierten Wissens“, das Verantwortung für eigene Positionen übernimmt, Konzepte der Identitätsbildung überdenkt, und sich eher in Differenzfeldern als in Dichotomien begreift und darin operieren zu lernen versucht.

Haraway: „Eine Ursprungsgeschichte im ‚westlichen’, humanistischen Sinn beruht auf dem Mythos ursprünglicher Einheit, Vollkommenheit, Glückseligkeit und des Terrors, der durch die phallische Mutter repräsentiert wird, von der sich alle Menschen lösen müssen, der Aufgabe der individuellen Entwicklung wie der Geschichte, den beiden mächtigen Mythen, die für uns so nachhaltig in Marxismus und Psychoanalyse eingeschrieben sind. [...] Die Cyborg ist eine überzeugte Anhängerln von Partialität, Ironie, Intimität und Perversität. Sie ist oppositionell, utopisch und ohne jede Unschuld. Cyborgs sind nicht mehr durch die Polarität von öffentlich und privat strukturiert, Cyborgs definieren eine technologische Polis, die zum großen Teil auf einer Revolution der sozialen Beziehungen im oikos, dem Haushalt, beruht. Natur und Kultur werden neu definiert. Die eine stellt nicht mehr die Ressource für die Aneignung und Einverleibung durch die andere dar. Die Verhältnisse, auf denen die Integration von Teilen in ein Ganzes beruht, einschließlich solcher der Polarität und hierarchischen Herrschaft, sind im Cyborguniversum in Frage gestellt.“1

Weitergedacht, spricht dieser Denkzusammenhang sich gegen das Vorhandensein eines individuellen Kerns, und für einen Zustand aus, der widersprüchliche und fremde Elemente enthält und daher aus Teilen zusammengesetzt ist. Das in sich abgeschlossene Widerspiegeln im Anderen als Wirklichkeit fällt somit weg. Viel eher wird hier Wirklichkeit als Effekt des Verhandelns von Machtverhältnissen und des sich Begreifens und Behauptens verstanden, indem die hergebrachte Sichtweise auf Bildung von Identität eine bestimmte Rolle spielt und diese ungünstig begünstigt. Ungünstig im Sinne einer Auffassung, die sich gegen Raub und Unterdrückung des Anderen, dem aus dem Mythos der Herrschaftsnorm vermeintlich Herausgefallenen, ausspricht. Daraus folgt jedoch nicht, dass alles Trennende aufgehoben wäre. Vielmehr wird hier für eine erweiterte Aufmerksamkeit plädiert, die zwar Behauptungen setzt, Perspektiven anbietet, es aber versteht, gleichzeitig verbindend und abgrenzend zu wirken. Eine solcherart entstehende Kontinuität setzt eine Form des Wissens voraus, die über eine bereits integrierte Konstruktion hinausweist.

Im gleichen Verhältnis zu den vorangegangenen Ausführungen gedacht, entsteht hieraus die Überlegung wie die Stellung des Kunstwerks und die Form des Ausstellens selbst zu betrachten sein könnte. Die Auffassung, eine Ausstellung und deren einzelne Teile der Werke würden stellvertretend von einem thematischen Zusammenhang als Einheit berichten, oder mit Sinn auffüllen, wäre also ein herkömmliches Muster.

Carl Einstein schrieb hierzu in den 1930er Jahren: „Später wird man die Formen differenzieren und komplizieren. Momente des Gestaltwandels werden sich fühlbar machen, bis man die Zerstörung des Fixierungsclichés wagt, dh. die Bilder nicht nur Elemente der Komposition, sondern auch der Dekomposition, nämlich der Auflösung und Zerstörung erreichter Strukturierung enthalten. Wir fixieren nicht das „Wirkliche“ sondern nur bestimmte Gruppen von Perceptionen, deren Auswahl durch geschichtliche wie technische Momente bestimmt sind. Wir wähnen jedoch noch immer das „Wirkliche“ darstellen zu können, da wir Jahrtausende lang eine vorgedichtete mythische Welt, die bereits überstrukturiert war, dh. völlig adaptiert dh. wir fixieren Dinge, die bereits von einer erheblichen Masse fixierter transvisueller Erlebnisse erfüllt und determiniert ist. Dh. jede Strukturierung ist eine komplexe Funktion, keine spezifische.“2

Melanie Ohnemus

1 Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs, in: Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen, Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag, 1995. S. 34.

2 Carl Einstein, Stile und Kunstwerke, in: Sybille Penkert (Hg.), Carl Einstein. Existenz und Ästhetik, Wiesbaden: Franz Steiner Verlag, 1970, S. 64.

 

 

PRESS RELEASE

The perception of identity is usually understood as original and pure and is significantly supported by the opinion that one's own identity can only be perceived and named as one that is separate from reality. According to this view, identity is therefore something like a pure core, which stands in delimited relationship to everything extraneous. In all systems small and large, this pattern secures power relations and certainties.

In her essay A Cyborg Manifesto (first published in 1985), Donna Haraway proposes an anti-essentialist perspective through which she attempts to remove and rethink dichotomous categories such as the boundaries between man/woman, man/machine, private/public, and physical/metaphysical. By overcoming an allegedly egalitarian, Western, humanistic myth of primordial unity as well as a final self that is ultimately free of any dependencies, she proposes a concept of “situated knowledge” that takes responsibility for its own positions, rethinks concepts of identity formation, and conceives itself and learns to operate within fields of difference rather than in dichotomies.

Haraway: “An origin story in the ‘Western,’ humanist sense depends on the myth of original unity, fullness, bliss and terror, represented by the phallic mother from whom all humans must separate, the task of individual development and of history, the twin potent myths inscribed most powerfully for us in psychoanalysis and Marxism. [...] The cyborg is resolutely committed to partiality, irony, intimacy, and perversity. It is oppositional, utopian, and completely without innocence. No longer structured by the polarity of public and private, the cyborg defines a technological polis based partly on a revolution of social relations in the oikos, the household. Nature and culture are reworked; the one can no longer be the resource for appropriation or incorporation by the other. The relationships for forming wholes from parts, including those of polarity and hierarchical domination, are at issue in the cyborg world.”1

Taking this a step further, this thought process speaks against the existence of an individual core, and for a state that contains contradictory and foreign elements and is therefore composed of parts. The self-contained reflection in the other as reality is thus dispensed with. Instead, reality is understood here as an effect of negotiating power relations and of conceiving and asserting oneself, in which the received view of identity formation plays a certain role and unfavorably facilitates it. Unfavorably in the sense of a position that speaks out against robbery and oppression of the other, those supposedly fallen from the myth of the dominant norm. This does not mean, however that everything “divisive” is abolished. Rather, it is a plea for a broader awareness that, though it may make assertions and offer perspectives, is also able to simultaneously connect and delimit. A continuity arising this form sets as a prerequisite a form of knowledge that goes beyond an existing, integrated construct.

Considered in the same relationship to the previous statements, this raises questions as to how the status of the artwork and the form of the exhibition itself might be regarded. The view that an exhibition and its individual parts, the artworks, representatively speak on a thematic context as a unified entity, or fill it up with meaning, is therefore a conventional pattern.

Carl Einstein wrote on this subject in the 1930s: “Later, forms will become more differentiated and complex. Moments of metamorphosis will become palpable until we dare to destroy the cliché of fixation, that is, until the images contain not only elements of composition, but also of decomposition, namely the dissolution and destruction of achieved structure. We do not fix in place the “real,” but only certain groups of perceptions whose selection is determined by historical as well as technical moments. Yet we continue to believe that we can represent the “real,” because for thousands of years we have had a pre-composed mythical world that was already overly structured, that is, completely adapted, that is, we fix things that are already replete with and determined by a considerable mass of fixed transvisual experiences. That is, every structuring is a complex function, not a specific one.”2

Melanie Ohnemus

1 Donna Haraway, A Cyborg Manifesto, in: Donna Haraway, Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature, Routledge, 1991, p. 34

2 Carl Einstein, Stile und Kunstwerke, in: Sybille Penkert (Ed.), Carl Einstein. Existenz und Ästhetik, Wiesbaden: Franz Steiner Verlag, 1970, p. 64. [Original quote translated here by George Rei.]

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